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MZ-Artikel vom 03. April 2019: Grundstein ist gelegt

MZ-Lokalteil Bernburg S. 10

BENEFIZKONZERT 2 600 Euro fließen als Erlös auf das Spendenkonto für den Wiederaufbau des Schlosses Nienburg.

VON ANDREAS BRAUN

Bastian Thomas Kohl spricht sich mit dem Pianisten Ilidar Schaburow ab. (MZ-Foito: Andreas Braun)

NIENBURG/MZ Diesen Glanz hat die Klosterkirche St. Marien und St. Cyprian schon lange nicht ausstrahlen können. Der Innenraum gab am Sonnabend einen würdigen Rahmen für ein Konzert, das, so Opernsänger Bastian Thomas Kohl, nicht das letzte gewesen sein muss. Es war ein Benefizkonzert, dessen Erlös in den Wiederaufbau des Schlosses, das einst ein Kloster war, fließen soll. Das neue Schloss soll als Archiv und Veranstaltungsstätte genutzt werden.

2 600 Euro Erlös

Es hat sich gelohnt, denn 2 600 Euro kann die Stadt aus den Erlösen verbuchen. Es ist ein Anfang, denn sollte die Stadt eine Bundesförderung für den Wiedaufbau des über 1 000 Jahre alten Klosters bekommen, dann müssen knapp zwei Millionen Euro an Eigenkapital aufgebracht werden. Das Land hat schon eine positive Bewertung für das 18-Millionen-Euro-Projekt abgegeben, eine unabhängige Expertenjury hat im März getagt und vielleicht, so hofft Nienburgs Bürgermeisterin Susan Falke, gibt es im April schon eine Entscheidung des Bundesinnenministeriums. Und vielleicht war es eine glückliche Fügung, dass Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bei seinem Besuch in Bernburg auch mit Nienburgs Bürgermeisterin über das Vorhaben plaudern konnte.

Beeindruckt von dem Projekt „Schlossaufbau“ ist auch Kohl. Zusammen mit dem Pianisten Ilidar Schaburow nahm er die Klosterkirche am Vorabend des Konzertes ein. Kirchen haben einen starken Nachhall. In Nienburg sind es um zehn Sekunden. Das sei wichtig zu wissen. Zwischen den Liedern muss man dann eine etwas längere Pause einhalten, so Kohl. Denn sonst überlagern sich Ende und Anfang der Lieder. Ganz ausgleichen könne man das nie. Aber das sei eben so. Dafür sei die Atmosphäre in einer Kirche schön. Vor allem die in Nienburg, von der Kohl fasziniert ist.

Schaburow indes sollte sich vom Nachhall nicht beeindrucken lassen. „Der Pianist hört nur auf sein Instrument“, sagt Kohl. Der hochgewachsene Mann mit der tiefen Bassstimme, die klar durch das Kirchenschiff hallt, probte zur Pianobegleitung und lotete den besten Standort aus. „Hier steht Henriette. Das passt. Sie ist zu sehen, und sie sieht das Publikum“, sagt er, als er an der Orgel steht und zwischen den Säulen hindurchblickt. Zufrieden verließ der Opernsänger das historische Gebäude. Die Kühle der Kirche störte ihn nicht. „Das weiß man, dass Kirchen kühl sind.“

Zufrieden mit Besuch

Zufrieden ist er auch nach dem Konzert. Der gebürtige Wolfener, der auf namhaften Bühnen Europas zu Gast ist, war von der Kirche als auch vom Konzert begeistert. „Es war echt ein schönes Konzert-Erlebnis. Auch für uns Künstler“, sagt er. Mit ihm und Schaburow hatten der in Kalifornien geborene Tenor Jacob Romero Kressin, dessen Lebensgefährtin, die Sopranistin Henriette Schein, die aus Plötzkau stammt, und der südkoreanische Organist Johann Song das Benefizkonzert gestaltet. Es lockte gut 250 Gäste in die Kirche. Darunter Prinz Eduard von Anhalt, der mit Ministerpräsident Reiner Haseloff die Schirmherrschaft übernommen hatte.

Die Kulturstiftung hat ein Konto bei der Salzlandsparkasse für die Unterstützung des Wiederaufbaus des Klosters eingerichtet: Kloster Nienburg, Iban: E75 8005 5500 0201 0487 52, Bic: NOLADE21SES

450 Jahre Christian I. von Anhalt-Bernburg

Heute, vor 450 Jahren, wurde Fürst Christian I. von Anhalt-Bernburg geboren!

Der vermutlich politisch einflussreichste Bernburger fand seine letzte Ruhestätte in der Fürstengruft der Schlosskirche St. Aegidien

Fürst Christian I. von An­halt-Bern­­burg wurde als zweiter Sohn von Fürst Joachim Ernst vor 450  Jahren, am 11. Mai 1568 auf Schloss Bernburg geboren. Schon als Kind begleitete er diplomatische Missionen. Christian, hochbegabt und weitgereist, entwickelte sich zu einem ehrgeizigen, weltgewandten Diplomaten.

Wie bereits seine fürstlichen Vorfahren übernahm er teils militärische Aufgaben für verschiedene Reichsfürsten und profitierte dabei von den guten Kontakten seines Vaters.

Im Jahr 1595 trat er als Statthalter der Oberpfalz in den Dienst Kurfürst Friedrichs IV. von der Pfalz und residierte in Amberg. Diese Position ermöglichte es ihm, auch im begrenzten Maße Einfluss auf die europäische Politik zu nehmen, so gilt er als Gründer der Protestantischen Union im Jahr 1608.

Christian bekannte sich im Alter von 37 Jahren öffentlich zum Calvinismus. Die Bernburger Herrschaft wurde durch seinen Statthalter Curt von Börstel regiert, einem Vertreter radikaler calvinistischer Politik.

Vor fast genau 400 Jahren, am 23. Mai 1618 ereignete sich der sogenannte „Prager Fenstersturz“. Er gilt als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges.

Christians Rolle beim Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges ist umstritten. Während einige Historiker ihn zur Unperson der europäischen Geschichte stilisieren, wird er von anderen als verantwortlicher Reichsfürst charakterisiert. Nach der Niederlage bei der Schlacht am Weißen Berg im Jahr 1620 und der nachfolgenden Ächtung durch den Kaiser konnte Christian erst 1624 wieder nach Bernburg zurückkehren. Hier starb er am 17. April 1630 und wurde, als erster Vertreter der jüngeren anhalt-bernburger Linie der Askanier, in der Gruft der Schlosskirche St. Aegidien  beigesetzt.

Christian I. von Anhalt-Bernburg Künstler: Umkreis Michiel van Mierevelt (Delft 1567-1641), Jahr: 1609, Moritzburg (Leihgabe Erbengemeinschaft Herzog Joachim Ernst von Anhalt), 73 HHNr. 3642

Interessante Links

Plötzlich Burg!

Die Veranstaltung zur Wiederentdeckung des romanischen Wohnturms an der Altenburger St. Blasius-Kirche am 16.03.2018

Besucher in der St. Blasius-Kirche Altenburg am 16.03.2018 Foto: J. Hennecke

"Mit der Datierung der Primärphase des Turmes auf 1143 (d) liegt für die Region ein bemerkenswert früh datierter romanischer Wohnturm mit kleinen, reduzierten Fenstern vor, dessen Inneres zudem von einem herausragenden Erhaltungszustand geprägt wird.“

Burkhard Lohmann und Maurizio Paul: „Vom Wohnturm zum Glockenturm – die bemerkenswerte Genese des hochmittelalterlichen Westturms der Dorfkirche St. Blasius in Altenburg, OT von Nienburg (Saale).“ In: „Burgen und Schlösser in Anhalt – Mitteilungen der Landesgruppe Sachsen-Anhalt der Deutschen Burgenvereinigung e.V.“, Nr. 25, 2016. S. 51

Trotz widrigster Witterungs-Umstände, ein plötzlicher Wintereinbruch brachte strengen Frost und große Mengen an Schnee, fanden sich am Abend des 16.03.2018 gut 70 Besucher zur Veranstaltung „Plötzlich Burg!“ in Altenburg ein.

Nach der Begrüßung durch den Altenburger Pfarrer Stephan Aniol und der Besichtigung der Kirche und des Wohnturmes, der vorab von Mitgliedern der Kirchengemeinde und Vertretern der Altenburger Heimatfreunde für die Begehung hergerichtet wurde, fanden sich die Besucher im Saal des Gasthauses „Zum Schwarzen Bär“ ein, um dort den Fachvorträgen zu den historischen Hintergründen und Ergebnissen der Bauuntersuchungen zu folgen.

Nach einer Begrüßung durch den Vertreter des Nienburger Vereins zur Förderung der Kultur und Denkmalpflege sowie Heimatpflege e. V., Herrn Wolfgang Letz, führte Olaf Böhlk (Kulturstiftung Bernburg) in die historischen Hintergründe der Entstehung des Altenburger Wohnturmes ein.

Der für die Untersuchung verantwortliche Bauforscher Maurizio Paul (Büro für Denkmalpflege und Bauforschung, Halle [Saale]) erläuterte die Details der bauarchäologischen Erkundungen und die dabei zur Anwendung gekommenen Verfahren.

Abschließend ordnete der renommierte Burgensachverständige Reinhard Schmitt (ehemals Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Vorstand Deutsche Burgenvereinigung e. V., Landesgruppe Sachsen-Anhalt) den Altenburger Wohnturm in die Landschaft hochmittelalterlicher romanischer Wohntürme ein.

Der Altenburger Wohnturm nimmt, aufgrund seines hervorragenden Erhaltungszustandes und der frühen und genauen Datierung, einen gebührenden Platz in der deutschen Burgenlandschaft ein.

Dank gebührt allen Unterstützern der Veranstaltung, wie dem verantwortlichen Gastronomen Herrn Peter Detzner und der Nienburger Stadtverwaltung, die sich bei der Werbung zur Altenburger Veranstaltung engagiert hat.

Die von Olaf Böhlk (Kulturstiftung Bernburg) initiierte Veranstaltung am 16.03.2018 setzte ein Zeichen für die gemeinsame Anstrengung verschiedener Akteure zur Erhaltung eines überregional bedeutsamen Denkmals. Ein Startimpuls, der für die nachhaltige Sicherung und Entwicklung des romanischen Altenburger Wohnturmes nutzbar gemacht werden sollte.

Besucher in der St. Blasius-Kirche Altenburg am 16.03.2018 Foto: J. Hennecke
Wolfgang Letz, Foto: J. Hennecke
Olaf Böhlk, Foto: J. Hennecke
Maurizio Paul, Foto: J. Hennecke
Reinhard Schmitt, Foto: J. Hennecke

Presseankündigung: Plötzlich Burg!

Neue Erkenntnisse zum romanischen Wohnturm an der St. Blasiuskirche in Altenburg (Nienburg)

Vortragsveranstaltung am 16. März 2018, 18:00 Uhr in der Altenburger St. Blasiuskirche

Dass der Turm der Altenburger Dorfkirche St. Blasius eine Besonderheit birgt, wussten bisher nur Insider. Im Inneren findet sich ein gut erhaltener romanischer Eckkamin. Offenbar wurde das Bauwerk also nicht immer als Kirchturm genutzt, sondern diente ursprünglich als Wohn- und Wehrbau einer Burganlage.

Der Bernburger Heimatforscher Olaf Böhlk widmete dem Gebäude im Januar 2015 eine erste historische Darstellung und machte das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle auf den außergewöhnlichen Befund aufmerksam. Bei einer Begehung im Mai 2015 wurde beschlossen, den bisher in der Forschung unbekannten Kirchturm einer eingehenden bauarchäologischen Untersuchung zu unterziehen. Diese erbrachte reiche Erkenntnisse zu einem frühen und außerordentlich gut erhaltenen Wehrbau des hohen Mittelalters. Die Altenburger Befunde wurden inzwischen im Heft 25 (2016) der Reihe „Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt“ publiziert. Im 25. Jubiläumsjahr der „Straße der Romanik“ kann sich das Dorf Altenburg über ein besonderes Geschenk freuen, welches den Ort sicher bald nicht nur unter Burgenfachleuten bekannt machen wird!

Gemeinsam mit der Kulturstiftung Bernburg laden der Nienburger Verein zur Förderung der Kultur und Denkmalpflege sowie Heimatpflege e.V. und die Heimatfreunde Altenburg am Freitag, 16. März 2018, 18:00 Uhr zu einer Vortragsveranstaltung ein. Als Referenten konnten der renommierte Burgensachverständige Reinhard Schmitt (ehemals Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Vorstand Deutsche Burgenvereinigung e. V., Landesgruppe Sachsen-Anhalt) und der für die Untersuchung verantwortliche Bauforscher Maurizio Paul (Büro für Denkmalpflege und Bauforschung, Halle [Saale]) gewonnen werden. Olaf Böhlk (Kulturstiftung Bernburg) wird in die historische Situation um Altenburg im 12. Jahrhundert einführen.

Sollten es die Temperaturen zulassen, findet die Veranstaltung in der Altenburger Blasiuskirche statt. Sonst wird vor Ort eine Ausweichlokation organisiert. Anschließend besteht die Möglichkeit zur Besichtigung des Turms und zum Erwerb des Hefts 25 der Reihe „Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt“ zu einem Vorzugspreis von 10,00 €.

Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei.

Bernburger Lohelandhaus in Gefahr – MZ-Presseartikel vom 22.12.2017

MZ vom 22.12.2017 S. 23 Kultur & Leben

DENKMAL

Bernburger Lohelandhaus in Gefahr

Stadtrat stimmt für Abriss.

VON GÜNTER KOWA

BERNBURG/MZ – Der Bernburger Stadtrat hat jüngst mit 23:14 Stimmen dem umstrittenen Abrissantrag für das denkmalgeschützte „Loheland-Haus“ zugestimmt. Damit liegt die Entscheidung über dieses 1936 gebaute Zeugnis der Lebensreform-Bewegung bei der Oberen Denkmalschutzbehörde. Von Oberbürgermeister Harry Schütze (CDU) erfährt man die Argumente: Die Stadt als Eigentümer will einen Parkplatz anlegen, um die benachbarte Wilhelmsstraße für Mieter attraktiver zu machen und damit das Zentrum zu stärken. Ein Erhalt des Gebäudes sei unwirtschaftlich, ein Bedarf bestehe nicht. In der Stadt gebe es wichtigere Denkmale mit Mittelbedarf.

Nicht zu überhören ist die verbale Misshandlung, mit der der Gegenstand in der öffentlichen Wahrnehmung herabgesetzt werden soll. Mitglieder von Rat und Bauausschuss stempeln das Bauwerk zum nutzlosen Schandfleck ab: „Bretterbude“, gesteigert zu „vergammelte Bretterbude“, wenn nicht „stinkende Bretterbude“. Ins Lächerliche gezogen wird auch die Erbauerin, die in Bernburg aufgewachsene Lehrerstochter Magdalena Trenkel: Zu ihrer Zeit mutig entschlossen, eine selbstständige Existenz als Gymnastiklehrerin im Sinne der damals berühmten Loheland-Bewegung aufzubauen. Walter Gropius hatte ernsthaft erwogen, sie ins pädagogische Programm des Bauhauses aufzunehmen.

Eine Mehrheit des Stadtrats scheint bereit, ein stadtgeschichtlich einzigartiges Zeugnis der Planierraupe zu überantworten. Es ist aber das Land, das ein vielleicht randständiges, aber beredtes Zeugnis der Moderne zu verlieren droht. Das Lohelandhaus blieb im Ausstellungs-Großprojekt „Große Pläne“ unberücksichtigt, weil die Programmfülle an Grenzen stieß. Am Bauhaus Dessau bedauert man dies und hat jetzt einen Appell zur Rettung des Gebäudes gestartet.

Das Haus unter seinem schattigem Laubdach an der Schnittstelle von Stadt und Stadtpark könnte in Sinne der Gründerin ein Ort für Familien und Kinder sein. Park-Haus statt Parkplatz: in bürgerschaftlicher Selbstverwaltung, verfügbar für Kindergärten und Grundschulen, wofür es Beispiele gibt, an denen auch die Bernburger Stadtpolitik sich orientieren kann.

MZ-Presseartikel vom 08.11.2017 zum Bernburger Lohelandhaus

Erschienen im überregionalen Teil der Mitteldeutschen Zeitung vom 08.11.2017 auf S. 3

Autor: Günter Kowa

Parkplatz statt Kulturerbe

STADTPLANUNG In Sachsen-Anhalt gibt es fast so viele Denkmäler wie in ganz Frankreich. In den Städten und Gemeinden führt diese reiche Geschichte auch zu harten Konflikten, wie ein Fall aus Bernburg zeigt. Dort soll das „Loheland-Haus“ abgerissen werden.

Das Haus des Anstoßes ist völlig unscheinbar. Wer davor steht, der braucht überdurchschnittlich viel Fantasie, um darin die historische Einzigartigkeit zu sehen. Das berühmte „Loheland-Haus“, ein einmaliges historisches Erbe der Moderne, wirkt wie eine heruntergekommene Bretterbude, seit Jahrzehnten verlassen, die Fenster sind mit Latten vernagelt, das Moos wächst auf den Dachziegeln. Nur die Umgebung ist idyllisch: umgeben von Bäumen in der „Alten Bibel“, der grünen Oase im Stadtzentrum von Bernburg (Salzlandkreis).
Städte schmücken sich gern mit ihren Denkmalen, aber die Begeisterung stößt an Grenzen, wenn sie die klammen Haushalte belasten oder mit anderen Interessen konkurrieren. Zwar ging in Sachsen-Anhalt die Zahl der Abrissanträge für denkmalgeschützte Objekte zurück, auf 74 im Jahr 2014, nach 150 sieben Jahre davor. Größer aber ist das Problem des Verfalls durch Nichtstun, weil der Aufwand für denkmalgerechte Sanierung abschreckend wirkt. Alles in allem umfasst die Denkmalliste von Sachsen-Anhalt rund 29 000 Einzeldenkmale und 2 300 Denkmalbereiche, die die Gesamtzahl geschützter Bauten auf rund 38 000 Bauten erhöht. Davon gelten 20 Prozent als verfallsbedroht.

Eben diese Zahlen kommen zur Sprache, wenn man sich mit einem Fall in Bernburg befasst, beileibe nicht der einzige, aber einer, der weit über die Stadt hinausweist, weil er eine kaum bekannte Facette zu Sachsen-Anhalts Erbe der Moderne hinzufügt. Für Holger Dittrich, Bernburgs Dezernent für Wirtschaftsförderung, steht aber etwas anderes im Vordergrund. „Wir haben fast 40 000 denkmalgeschützte Bauten im Land, mehr als in ganz Frankreich“. Es sind zwar 43 600 laut Pariser Kulturministerium, aber der Vergleich mit dem Bundesland sitzt, und Dittrich legt mit erlebter Kulturgeschichte nach: „Ich gehörte zu denen, die die DDR wegen des Verfalls historischer Bauten kritisierten.“ Aber, und das ist für ihn entscheidend: „Wir mussten lernen, dass man nicht alles erhalten kann, und dass zu viel Denkmalschutz die Stadtentwicklung behindert.“

Genau darum geht es im aktuellen Fall bei dem Häuschen, das abgelegen und verrammelt am Rand der „Alten Bibel“ steht, dem Bernburger Bürgerpark, der einst Friedhof war. Es ist schlicht, rundum mit Holz verschalt, und auch der Name „Loheland-Haus“ lässt allenfalls Spezialisten erkennen, dass es sich um ein Erbe der Moderne handelt. Und die wird 2019 im „Bauhaus-Jahr“ in Sachsen-Anhalt und weltweit gefeiert. Aber die Stadt sieht vorrangig, dass es einem geplanten Parkplatz im Weg steht und abgerissen gehört.

In den Augen von Holger Dittrich ist das kein Akt der Kulturbarbarei, sondern Dienst am historischen Erbe der Stadt. Die kämpft wie so viele andere mit Leerstand. Die angestrebten 40 Stellplätze sollen die Nachfrage nach Mietwohnungen in der nahen Wilhelmsstraße befördern. Und weiter: „Wir haben 314 Denkmale in der Stadt. Das Loheland-Haus hat keine Priorität. Sonst müssten wir anderes opfern.“ Der Dezernent kann sich in Rage reden und die Dinge verächtlich machen. „Es ist eine Holzbude. Seit dreißig Jahren nicht gepflegt. Es ist öffentlich nicht sichtbar.“ Der Abriss, darauf besteht er, ist ein „mit überwältigender Mehrheit“ gefasster Stadtratsbeschluss.

Berichtigung

Bei Olaf Böhlk handelt es sich nicht um den „Vorsitzenden“ der Kulturstiftung.

Magdalena Trenkel, Foto um 1920. Das Foto stammt aus dem Nachlass ihrer Tochter Renate Müller, welcher von Dr. Heinrich Trenkel verwaltet wird. Das Foto befindet sich nun im Besitz des Archivs der Loheland-Stiftung.

Eine eigenwillige Frau

Magdalene Trenkel wurde 1894 in Zerbst geboren und wuchs in Bernburg auf. 1914 lernte sie klassische Gymnastik in Kassel bei Hedwig von Rohden und Louise Langgaard, den Gründerinnen der „Loheland-Bewegung“. Schon 1916 machte sie sich selbstständig und gab Kurse in Weimar, unter anderem auch am Hof. Im Oktober und November 1919 trat sie am Bauhaus auf. In Zusammenarbeit mit dem Maler Paul Dobe verband sie Gymnastik mit Kunstunterricht. Sie wohnte beim Textilfabrikanten Alexander Commichau zur Miete. Als sie von dessen Sohn Georg ein Kind erwartete, warf der Hausherr beide auf die Straße. Georg beging Selbstmord, Magdalena zog ihre Tochter allein auf. Ab 1923 gab sie Kurse in ihrem „Loheland-Garten“ in Bernburg, wo sie 1935 das „Gymnastikheim“ baute. Sie blieb bis zu ihrem Tod 1967 in ihrem Beruf aktiv.

Architektur mit Seltenheitswert

„Eine Nacht- und Nebelaktion“ sei der Eintrag ins Denkmalverzeichnis gewesen, unterzeichnet von Landeskonservatorin Ulrike Wendland just nachdem die Stadt das Grundstück gekauft hatte. Die Fachbehörde hatte ein „Dokument des Wirkens reformpädagogischer Ideen“ ausgemacht. Die „Architektursprache besitzt Seltenheitswert“, heißt es, und „stellt ein Alleinstellungsmerkmal dar.“ Auf eine Anfrage der AfD-Fraktion im Magdeburger Landtag antwortete die Landesregierung, das Haus könne im „Weltereignis Bauhaus-Jubiläum 2019“ eine Rolle spielen.

Aber, meint Dittrich, an „diesem reinen Minderheitenthema“ seien nur „drei oder vier lautstark agierende Leute“ interessiert. Dazu gehören im Stadtrat die Grünen und einige Mitglieder der Linken-Fraktion. Publizistisch sichtbar ist vor allem Olaf Böhlk, der als Vorsitzender der Kulturstiftung Bernburg auch eine Webseite betreibt, die unter anderem zur Geschichte des Loheland-Hauses informiert. Auf seine Einladung waren jüngst zwei Loheland-Forscherinnen, die Archivarin der Loheland-Stiftung, Elisabeth Mollenhauer-Küber, und die Weimarer Historikerin Ute Ackermann, in der Stadt. Ihr Vortrag war bestens besucht.

Die Loheland-Bewegung, erfuhren die Zuhörer, kam von der Loheland-Frauensiedlung bei Kassel, gegründet um 1910 von Hedwig von Rohden und Louise Langgaard, die auch den Namen erfanden. Die Nachfolgeorganisation besteht heute noch als anthroposophische Stiftung mit Waldorfschule und Sozialakademie. Die Verbindung zu Bernburg ist die dort aufgewachsene Gymnasialprofessorentochter Magdalene Trenkel. Sie lernte in Loheland „Körperschulung“ und fand dadurch zu beruflicher Selbstständigkeit als Gymnastiklehrerin. Sie ging damit einen Weg, der damals für Frauen absolut ungewöhnlich war.

Die Loheland-Methode hatte eine starke tänzerische Komponente. Fotos von Auftritten zeigen Frauen in langen Gewändern in expressiven Bewegungen, die Tänze hatten Titel wie „Rufen – Stimmen des Frühlings“. Am Weimarer Bauhaus wurde Walter Gropius aufmerksam und lud Trenkel und ihre Schülerinnen ein. Am 30. Oktober 1919 gaben sie einen Probekurs, hüllenlos, wie es ihrer Praxis entsprach. Gropius stand nicht nur deshalb kurz davor, Trenkel einzustellen. Rhythmische Körperschulung war am Bauhaus gefragt, was Trenkel wusste, die sich Gropius als „mitwirkende Kraft beim Aufbau des Bauhauses“ empfahl. Jedoch plädierte Vorkurs-Meister Johannes Itten statt ihrer für die Sängerin Gertrud Grunow und ihre „Harmonisierungslehre“.

Raum für freie Bewegungen

Trenkel kehrte nach Bernburg zurück, pachtete 1927 das Grundstück an der „Alten Bibel“ zur Sommernutzung und baute 1935 dort ihr „Gymnastikheim“, nach Entwürfen eines Bernburger Architekten und Anregungen aus Loheland. Die Einfachheit der Holzkonstruktion scheint Bauhaus-fern, ist funktional aber „modern“: der Gymnastikraum öffnet sich mit verglasten Flügeltüren zum Garten und hat innen eine gewölbte Decke, wie um Raum zu geben für freie Bewegungen, begleitet von Magdalene Trenkels Klavierspiel. Ihr Piano hat die Zeiten überdauert und steht heute noch da. Ihr aktives Berufsleben umspannt Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und die DDR. Das wirft Fragen auf. Zeitzeugen meldeten sich, die ihr Nazi-Nähe vorwerfen und Anpassung an das jeweilige System. Bekannt ist, dass Trenkel Kurse für die NS-„Kraft-durch-Freude“-Organisation gab. Ob sie eine Wahl hatte, ist offen – sicher ist, dass ihre Karriere auf einem bewusst unangepassten Leben aufbaute.

Für Olaf Böhlk ist die Haltung der Stadt zum Loheland-Haus nicht nur wegen der Preisgabe Bernburger Kulturgeschichte ein Ärgernis. Den Stadtratsbeschluss zum Abriss sieht er im Widerspruch zu einem anderen, dem Stadtentwicklungskonzept, das den Park für eine bürgerschaftliche Nutzung vorsieht. Eben dazu würde sich das Haus vielfältig nutzen lassen, sagt er. Auf dem Grundstück stellt man fest, dass die Hälfte der geplanten Stellfläche immer noch 20 Plätze ergäbe: Kompromiss genug, um die Stadt und zugleich das Loheland-Haus zu retten? Am Bauhaus Dessau appelliert Stiftungsdirektorin Claudia Perren jedenfalls an die kulturellen Instinkte der Stadt. „Es wäre schade, wenn nun zum Bauhaus-Jubiläum Orte wie das Lohelandhaus verschwänden, die an dynamische Zeiten der Reformbewegung und die neue Rolle der Frau erinnern. Statt über Abriss sollten wir über Kooperation der Orte der Moderne in Sachsen-Anhalt nachdenken und identitätsstiftende Programme aufsetzen.“

PRESSEMITTEILUNG: Zusammenlegung von Landes- und Landesdienstflagge des Bundeslandes Sachsen-Anhalt

17.01.2017

Informationen zu den Hintergründen einer Gesetzesnovelle

Bernburg. Das kürzlich vom sachsen-anhaltischen Regierungskabinett beschlossene und im Koalitionsvertrag der Regierungsfraktionen vereinbarte Vorhaben zur Zusammenlegung von Landes- und Landesdienstflagge des Bundeslandes Sachsen-Anhalt bedeutet weit mehr als einen formalen Akt. Mit der Übernahme des Landeswappens in die Landesflagge kommt der – seit dem späten 19. Jahrhundert andauernde – sächsisch-anhaltische Wiedervereinigungsprozess symbolisch zu seinem Abschluss. Die derzeit noch gültige wappenlose gelb-schwarz gestreifte Landesflagge nutzte man in umgekehrter Farbfolge in der Provinz Sachsen bereits seit dem Jahr 1884. Sie erfreute sich aber schon um 1900 nur geringer Beliebtheit und repräsentiert den zweigliedrigen Landesnamen „Sachsen-Anhalt“ nicht.

Ablehnung löste Initiative aus

Den Auslöser der Initiative zur Übernahme des Landeswappens in die Landesflagge bildete eine im Nachgang an das Anhalt-800-Jubiläumsjahr 2012 von der Kulturstiftung Bernburg gestellte Anfrage zur Genehmigung des Aufzugs einer Sachsen-Anhalt-Flagge auf dem Bernburger Schloss, das als Erinnerungsort für den „Bernburger Erbfall“ gilt. Die Kulturstiftung Bernburg gründeten aus Ost- und Westdeutschland stammende Bernburger Bürger im Jahr 1992 als gemeinnützige und privatrechtliche Stiftung mit dem Zweck, die anhalt-bernburgische Tradition und Kultur nach dem Niedergang in der DDR zu fördern. Das Anliegen der Kulturstiftung zum Flaggenaufzug wurde vom Innenministerium im März 2014 mit dem Verweis auf das geltende Hoheitszeichengesetz abgelehnt, welches die Nutzung der mit dem Landeswappen versehenen Landesdienstflagge nur wappenführenden staatlichen Stellen gestattet. Mit dieser Entscheidung wollte sich Olaf Böhlk, der Initiator der Flaggen-Initiative, nicht abfinden. Er betreut für die Kulturstiftung Bernburg den Arbeitsbereich „Residenz- und Landesgeschichte“. Im späteren Verlauf wurde die Kampagne nicht nur vom sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Haseloff, sondern auch von Abgeordneten unterschiedlicher Landtagsfraktionen unterstützt.

Sachsen und Anhalt – 805 Jahre bis zur vollständigen Wiedervereinigung

Die beiden Länder Sachsen und Anhalt wurden im Jahr 1212 beim „Bernburger Erbfall“ aus gemeinsamer askanischer Wurzel gestiftet. In Anhalt herrschten die Askanier bis zum Jahr 1918, im Herzog- und Kurfürstentum Sachsen setzten sich nach dem Aussterben der Wittenberger Askanier im Jahr 1422 die Wettiner gegenüber askanischen, hohenzollernschen und welfischen Ansprüchen durch. Nach der Niederlegung des sächsischen Herzogs- und Kurfürstentitels durch den letzten wettinischen Kurfürsten Friedrich August III. beim Rheinbundbeitritt im Jahr 1806 ging die Landesherrschaft über das sächsische Herzogtum und der traditionsreiche Titel „Herzog zu Sachsen, Engern und Westphalen“ aufgrund der Beschlüsse des Wiener Kongresses im Jahr 1815 auf den preußischen König Friedrich Wilhelm III. über. Unter preußischer Herrschaft wurde aus dem Herzogtum Sachsen und weiteren einst sächsischen und später preußischen Territorien die preußische Provinz Sachsen geformt. Der Name „Sachsen“ kehrte somit im Jahr 1815 in seinen historischen Geschichts- und Kulturraum an Harz, Elbe und Saale zurück. Nachdem im Jahr 1946 das Land Anhalt in der im Jahr 1945 wieder eingerichteten Provinz Sachsen aufgegangen war, fand die Wiedervereinigung der sächsischen und anhaltischen Traditionslinien im 1946 neu festgelegten Provinz- und späteren Landesnamen „Sachsen-Anhalt“ ihren Ausdruck. Die Verbindung der vom Schloss Bernburg ausgehenden sächsischen und anhaltischen askanischen Wappenelemente – Rautenkranz- und Bärenwappen – erfolgte aber erst 1991 im Landeswappen des wiedergegründeten Bundeslandes Sachsen-Anhalt.

Ein Impuls für eine neue, selbstbewusste Phase der Landesentwicklung 

Falls der sachsen-anhaltische Landtag am 06./07.04.2017 (erste Lesung: 02./03.02.2017) der Gesetzesnovelle zustimmt, würde mit der Übernahme des Landeswappens der Landesname „Sachsen-Anhalt“ erstmals auch auf der Landesflagge des Bundeslandes Sachsen-Anhalt heraldisch repräsentiert. Auf den Fundamenten sächsischer und anhaltischer Geschichtstraditionen könnte der Prozess der „Freigabe“ der Sachsen-Anhalt-Flagge im Reformationsjahr 2017 ein Zeichen für ein neues, historisch gegründetes Selbstbewusstsein in Sachsen-Anhalt setzen. Wirtschaft, Kultur, Sport und jedem Bürger wäre es dann möglich, für eines der traditionsreichsten deutschen Bundesländer Flagge zu zeigen!

PRESSEMITTEILUNG: 1946-2016: 70 Jahre Landesname „Sachsen-Anhalt“

Simulation „Flaggen-Memorial Sachsen und Anhalt“ (v. l. n. r. Provinz Sachsen, Sachsen-Anhalt, Freistaat Anhalt)

Auf seiner zweiten Sitzung am 03. Dezember 1946 beschloss der Landtag der wiedereingerichteten Provinz Sachsen die Umbenennung in „Provinz Sachsen-Anhalt“.

Die Hoffnungen auf einen demokratischen Wiederaufbau Deutschlands nach 1945 verbanden sich in der Region an Harz, Elbe und Saale aufs Engste mit den Bemühungen um die Integration des nördlichen Teils der durch das nationalsozialistische Regime geteilten ehemaligen preußischen Provinz Sachsen mit dem von ihrem Territorium völlig umschlossenen Gebiet des Freistaates Anhalt.

Die Bildung einer „Reichsprovinz Sachsen-Anhalt“ durch die Vereinigung des Nordteils der preußischen Provinz Sachsen mit dem Gebiet des Freistaates Anhalt bildete den wesentlichen Inhalt des Konzeptes einer „mitteldeutschen Neuordnung“, welches maßgeblich von dem Landeshauptmann der preußischen Provinz Sachsen Erhard Hübener vorangetrieben wurde.
Vor 70 Jahren, auf der denkwürdigen zweiten Sitzung des Landtages der Provinz Sachsen am 03. Dezember 1946 im Stadtschützenhaus Halle (Saale), wurde Erhard Hübener (LDPD) zum einzigen nicht der SED angehörenden Ministerpräsidenten in der Sowjetischen Besatzungszone gewählt.

Einen Tagesordnungspunkt der für die Geschichte des Bundeslandes Sachsen-Anhalt höchst bedeutsamen zweiten Sitzung des Provinziallandtages nach 1945 bildete neben dem Beschlussantrag zur Umbildung der sächsischen Provinzialverwaltung in eine „Provinzialregierung“ auch der Antrag auf Namensänderung der sich nun herausbildenden eigenständigen Provinz.
Der von der CDU-Fraktion vorgeschlagene Name „Mittelsachsen“ konnte sich dabei gegenüber Hübeners Namensvorschlag „Sachsen-Anhalt“ nicht durchsetzen. Erhard Hübener hatte den Bindestrich-Namen für die Provinz bereits 1929 in die Diskussion eingebracht. Maßgeblich für seinen Namensvorschlag war das Bemühen, das Andenken an das kulturell und historisch bedeutsame Land Anhalt zu erhalten.

Der Bindestrichausdruck „sächsisch-anhaltisch“ greift eine um 1900 in der Provinz Sachsen als Bezeichnung von übergreifend in der Provinz Sachsen und dem Freistaat Anhalt tätigen Institutionen und Organisationen geläufige Formel auf, die einerseits die Eigenständigkeit der Namensbestandteile und andererseits auch die enge kulturelle und historische Verzahnung beider Territorien begrifflich fassbar macht. Als Beispiele seien der „Sächsisch-Anhaltische Feuerwehr-Verband“, der „Sächsisch-Anhalt‘sche Städtetag-Fonds“ oder der „Sächsisch-Anhaltische Verein zur Prüfung und Überwachung von Dampfkesseln“ erwähnt.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Gründung des Landes Sachsen-Anhalt keinesfalls einen Bruch in der historischen Entwicklung des Raumes an Harz, Elbe und Saale kennzeichnet oder – wie oft behauptet wird – gar einen Willkürakt der sowjetischen Besatzungsmacht darstellte. Vielmehr setzten die Gründung des Landes Sachsen-Anhalt und die bewusste Entscheidung für seinen Bindestrichnamen den seit 1815 begonnenen Prozess der kulturellen und politischen Integration des sächsisch-anhaltischen Kultur- und Geschichtsraumes an Harz, Elbe und Saale in konsequenter Form um.

Aus Anlass des 70-jährigen Jubiläums des Landesnamens „Sachsen-Anhalt“ werden unter der Adresse http://www.lsa2.de/70-jahre-sachsen-anhalt/ die Protokolle zu den Tagesordnungspunkten I und II der zweiten Sitzung des Landtages der Provinz Sachsen am 3. Dezember 1946 im Stadtschützenhaus in Halle (Saale) auszugsweise wiedergegeben.

Mehr zum Projekt „Sachsen-Anhalt 2.0 – Zukunft aus Tradition“ unter http://www.lsa2.de

Zitat: Namensvorschlag „Sachsen-Anhalt“ bei Erhard Hübener (1929)
„Seit dem 13. Jahrhundert sind die Grenzen Anhalts kaum verändert worden. Es hat zweifellos eine historische Individualität entwickelt, und die Aufgabe der staatlichen Selbständigkeit wird ihm nicht leicht werden. Vielleicht kann der Entschluß dadurch erträglicher gemacht werden, wenn die neue Provinz die Bezeichnung ‚Sachsen-Anhalt‘ erhält, wodurch eine sinnvolle Unterscheidung gegenüber der aus dem Freistaat Sachsen hervorgegangenen Reichsprovinz, für die man, wie schon erwähnt wurde, den Namen ‚Obersachsen‘ vorgeschlagen hat, und gegenüber einem etwa zu bildenden ‚Niedersachsen‘ gegeben wäre.“

(Quelle: Erhard Hübener: „Die Neugliederung Mitteldeutschlands“ in „Reich und Länder : Zeitschrift für die Entwicklung der Verfassung, Verwaltung und Finanzen in Deutschland“ von Kohlhammer, Stuttgart Nr. 8 – 1929)

Vor 25 Jahren: Ein neues Konzept für das Bernburger Kloster

Vor genau 25 Jahren erstellten Angelika Böhlk, Vera Hufmüller (heute Böhlk), Olaf Böhlk und Ernst Gieskes in Ihrer Funktion als Mitglieder des ersten eingetragenen Vereins der Stadt Bernburg nach der politischen Wende 1989 – der „IG Schlossbrauerei“ – ein Konzept für das bis dahin für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Servitenkloster. Aus dieser Initiative ging schließlich die heutige öffentliche Nutzung des Bernburger Klosters als Lern- und Veranstaltungsort hervor. Aus der „IG Schlossbrauerei“ entwickelte sich die „Kulturstiftung Bernburg“.

Fund eines tonnenschweren Buntsandsteinblocks in der Saale bei Großwirschleben

 

Bernburg. Ein bei Großwirschleben in der Saale gefundener Buntsandsteinblock könnte aus einem Bernburger Steinbruch stammen. Der Erhalt des Blocks als Denkmal der Verkehrs- und Wirtschaftsgeschichte wird angestrebt.

Die Lage des Steinblocks (Saale-km 45,79) war bereits aus Peiluntersuchungen des Flussbetts der Saale bekannt. Zum Jahresende 2015 wurde der Quader durch Mitarbeiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Magdeburg aus dem Flussbett geborgen, da er ein Hindernis in der Fahrtrinne darstellte. Bei der Bergung kamen auch noch weitere kleinere Steinblöcke und Holzreste zum Vorschein, die aber leider nicht untersucht werden konnten.

Der auf ein Gewicht von ca. 4,5-5 Tonnen geschätzte Quader mit den ungefähren Maßen 220 x 140 x 70 cm wurde zunächst an der Uferböschung abgelegt. In einem Artikel im Saale-Wipper-Boten, Heft 2016/31 (erschienen am 5. August 2016), ging der inzwischen verstorbene Großwirschlebener Heimatforscher Harald Wieschke auf den Fund ein und entwickelte die Theorie, dass der Block ursprünglich als Markierung gedient haben könnte, um einen Anhaltspunkt zu schaffen, ab welchem Wasserstand die Großwirschlebener Fähre genutzt werden musste.

Die Fundumstände machen aber auch ein Schiffsunglück wahrscheinlich, bei dem ein Wasserfahrzeug mit einer Steinmaterial-Ladung gesunken ist. Die Saale bildete als Wasserstraße über Jahrhunderte den wichtigsten Transportweg für schwergewichtige Güter. Flache Schiffstypen mit entsprechenden Ladekapazitäten, sogenannte Prahme, bestimmten von der Spätantike bis zur Neuzeit das Bild der Schifffahrt auf dem Fluss. So ließ um das Jahr 1392 die wohlhabende Bernburger Patrizierfamilie Gluse drei Prahme von Bernburg aus die Saale stromauf und -abwärts fahren.

Olaf Böhlk, Mitarbeiter der Kulturstiftung Bernburg, der sich intensiv mit der Bernburger Stadtgeschichte des Mittelalters und der Bedeutung des historischen Sandsteinabbaus für die Bernburger Region befasst hat, nahm deshalb Kontakt zu der Expertin für historische Sandsteinvorkommen Frau Dr. Angela Ehling von der Berliner Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe auf. Frau Dr. Ehling untersuchte mit einem Team von Wissenschaftlern die Herkunft von bei Kunst- und Bauwerken verwendeten Sandsteinen auf der Basis der Methode der Nahinfrarotspektroskopie. Die Ergebnisse der Messungen werden in einer Materialdatenbank dokumentiert. Damit wird es möglich, die verwendeten Sandsteine ihren Herkunftsgebieten zuzuordnen. Aufgrund dieser Forschungen gelangte das Team der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zu der Erkenntnis, dass der Bernburger Sandstein vom 10./11. bis zum Ende des 14. Jahrhunderts der dominierende Bau- und Bildhauerstein im Norden Sachsen-Anhalts und Brandenburgs war. Wichtige Bau- und Kunstwerke, wie beispielsweise zu großen Teilen der Magdeburger Dom, der „Magdeburger Reiter“, die Zerbster Rolandstatue oder auch die „Spandauer Madonna“ wurden aus Bernburger Sandstein hergestellt.

In Absprache mit Frau Dr. Ehling entnahm Olaf Böhlk Proben des Großwirschlebener Sandsteinblocks, die in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe untersucht wurden. Aufgrund der selbst innerhalb eines Steinbruchs vorkommenden Variationen konnte die Herkunft des Buntsandsteinblocks aber leider nicht eindeutig geklärt werden. Ein Bernburger Steinbruch ist als Herkunftsort wahrscheinlich, aber auch Steinbrüche in Polleben und Nebra können als Lieferort nicht ausgeschlossen werden. Die Größe und das außergewöhnliche Gewicht des Sandsteinblocks lassen auf einen Transport über den Wasserweg schließen. Die in Saalenähe unterhalb des Schlossberges im Bereich der Schleuse, an der Fuhnemündung und im Wippertal gelegenen historischen Bernburger Sandsteinbrüche erscheinen daher als Herkunftsorte am wahrscheinlichsten.

Gegen die Nutzung als Wasserstandsmarke spricht auch die Tatsache, dass Bruch und Verladung des schwergewichtigen Steinquaders bereits erhebliche Kosten verursacht haben dürften. Frau Dr. Ehling wies in diesem Zusammenhang auf die deutlich zu erkennenden Schrämspuren hin, die auf eine historische Abbautechnik verweisen. Vor diesem Hintergrund erscheint es unwahrscheinlich, dass der sorgfältig in den ungefähren Maßverhältnissen 1:2:3 rechtwinklig vorgerichtete Steinquader als Markierung in der Saale versenkt wurde. Eher könnte er als Rohling, beispielsweise für die Deckplatte einer gotischen Grabtumba, vorgesehen gewesen sein.

Aufgrund seiner großen Bedeutung als Denkmal für eine längst vergessene Epoche der Verkehrs- und Wirtschaftsgeschichte soll der Großwirschlebener Buntsandsteinblock am stark frequentierten Saale-Radwanderweg erhalten werden. Matthias Pusch, der Leiter des Bernburger Außenbezirks 4 des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Magdeburg, prüft deshalb nun die technischen Möglichkeiten, um den Fund aus der Saale entsprechend seiner Bedeutung wirksam in Szene zu setzen.

Presseartikel: Sprache, fein wie ein Steintopf

Erschienen im Bernburger Lokalteil der Mitteldeutschen Zeitung vom 24.10.2016, S. 11
Professor Gunnar Müller-Waldeck (links) stellt in der Bernburger Kulturstiftung Heribert Pistors „Dor schtumme Diener“ vor. Drehorganist Carlheinz Schiller sorgt für den musikalischen Rahmen der kurzweiligen Lesung. MZ-FOTO: CONNY SCHREIBER

Professor Gunnar Müller-Waldeck (links) stellt in der Bernburger Kulturstiftung Heribert Pistors „Dor schtumme Diener“ vor. Drehorganist Carlheinz Schiller sorgt für den musikalischen Rahmen der kurzweiligen Lesung. MZ-FOTO: CONNY SCHREIBER

Sprache, fein wie ein Steintopf

LESUNG Der dritte Band mit Gedichten in „anhält’scher“ Mundart von Heribert Pistor wird am Samstag bei der Bernburger Kulturstiftung vorgestellt.

VON SOPHIA MÖBES

BERNBURG/MZ – Was ist nur am Sonnabendnachmittag im Haus der Kulturstiftung Bernburg an der Friedrichstraße losgewesen? „Carl I.“ lockt mit den beschwingten Melodien seiner Drehorgel die Gäste ins Haus. Und später begleitet der Northeimer die Lesung von Gunnar Müller-Waldeck sehr gekonnt weiter. Das trifft sowohl auf die Auswahl der Stücke als auch auf seine Spieltechnik zu. Ein Gast aus Köthen singt in der Pause mit und nimmt das per Handy auf – ein schönes Kompliment für Carlheinz Schiller.

Müller-Waldeck, gebürtiger Bernburger und emeritierter Professor der Literaturwissenschaft, liebt die „anhält’sche“ Mundart und hat festgestellt, dass man diese mit zunehmendem Alter wieder mehr gebraucht – während der Schulzeit werde sie ja leider abtrainiert. Auch im Berufsleben ist sie nicht unbedingt förderlich. Dennoch haben für ihn das Anhaltische und das Sächsische einen besonderen Reiz, dienten sie doch Martin Luther als Basis bei der Erschaffung der deutschen Hochsprache, „zusammengequirlt“ nannte es der Literaturwissenschaftler.

In Heribert Pistor hat er einen Autoren gefunden, der das Anhaltische in der heutigen Zeit pflegt und fortschreibt. Deshalb stellt er gern die Neuerscheinung dieses geheimnisumwobenen Mannes vor, den noch niemand gesehen hat, der aber angeblich bei jeder Lesung anwesend ist. Nach „Ziwwelringe un Sahne“ und „Dor Lindenboom“ ist nun ein dritter Band erschienen, „Dor schtumme Diener“. Und Müller-Waldeck kann berichten, dass im kommenden Frühjahr ein vierter, letzter Band folgen werde. Erschienen sind alle in der Anhalt Edition Dessau, dem Verlag von Regina Erfurth, die die soeben gedruckten Büchlein selbst zur Lesung mitgebracht hat.

Murmeln hilft beim Verstehen

Dieser „schtumme Diener“ ist hier aber nicht das altbekannte Möbelstück. In Pistors witziger Gedichtsammlung ist es ein „Händy“, in dem ist „keene Karte drin“. Deshalb kann der Erzähler damit stundenlang seiner Verflossenen die bittersten Vorwürfe machen, kann telefonisch all seinen Frust loswerden, ohne dass es ihn einen Cent kostet. Und als Höhepunkt: „Von die kimmt nich een Widerwort!“

Ungeübte sollten Müller-Waldecks Rat beherzigen und beim Lesen leicht vor sich hin murmeln, das hilft beim Verstehen ungemein. So witzig wie Pistors Texte ist auch die Moderation des Vortragenden und sein Zusammenspiel mit dem Musikanten. Er kann noch eigene Erlebnisse aus seiner Bernburger Zeit beisteuern und damit anschaulich beweisen, dass „Anhältisch nicht fein wie englisches Biskuitporzellan“ ist, sondern eher einem Steintopf gleicht.

Neu ist sicher auch für viele Gäste, dass Großmühlingen eine anhaltische Enklave war und dieser Heimatdialekt sich erhalten hat. Herrlich das Gedicht aus dem „Lindenboom“ über den Abriss des alten Konsumgebäudes dort – eine wahre Geschichte.

Pistor erfasst in seinen Gedichten die gesamte Bandbreite des menschlichen Lebens, alles mit einem Augenzwinkern, nie verletzend. Ob in „Vollbad“ das öffentliche Wannenbad einmal im Jahr oder in „Dorchwachsen“ das Intervall-Füttern von Schwänen beschrieben wird, „Konfirmationsunterricht“, „Tempolimit“ oder „Adlerflüge“ vorgetragen, die Berufsmöglichkeiten aufgelistet werden, oder, oder – das zweistündige Programm ist kurzweilig und interessant. Pistors Gedichte haben bereits eine große Fangemeinde, wie die vielen begeisterten Gäste beweisen. Neben den Bernburgern sind auch viele Auswärtige gekommen. Den weitesten Weg hatte wohl das Ehepaar Köhn aus Gardelegen. Endlich einmal hat es terminlich geklappt, dass sie einer Lesung beiwohnen konnten, so die Altmärkerin. Sie sei mit Müller-Waldeck verwandt, seine und ihre Großmutter waren Schwestern.

Ein Pokal für den Philosophen

Zum Abschluss des Abends bedankt sich der Vortragende beim „Drehorgel-Philosophen“ mit einem Geschenk, einem Pokal, der mit Zeitungsausschnitten über dessen Auftritte und einem Original-Pistor-Gedicht ummantelt ist und gibt einen Ausblick auf den vierten Band.

VITA

Leben für Literatur

Gunnar Müller-Waldeck wurde 1942 in Bernburg geboren und besuchte hier die Schule bis zum Abitur. Danach studierte er in Greifswald Germanistik und Geschichte und lehrte bis zu seiner Emeritierung als Literaturwissenschaftler an der Universität der Ostseestadt. In dieser Zeit verfasste er zahlreiche Veröffentlichungen zur Literatur des 20. Jahrhunderts, zur literarischen Tradition des Ostseeraumes und zur Trivialliteratur. Daneben ist er als Essayist, Feuilletonist, Kritiker bei Presse und Rundfunk und als Hörspielautor tätig. Mit „Mei Anhalt, wu ich heeme bin“ hat Professor Gunnar Müller-Waldeck Mundartgeschichten und Gedichte des bekannten Bernburger Mundartdichters Georg Müller herausgegeben. Er lebt heute in der Nähe von Greifswald. SOM