Fund eines tonnenschweren Buntsandsteinblocks in der Saale bei Großwirschleben

 

Bernburg. Ein bei Großwirschleben in der Saale gefundener Buntsandsteinblock könnte aus einem Bernburger Steinbruch stammen. Der Erhalt des Blocks als Denkmal der Verkehrs- und Wirtschaftsgeschichte wird angestrebt.

Die Lage des Steinblocks (Saale-km 45,79) war bereits aus Peiluntersuchungen des Flussbetts der Saale bekannt. Zum Jahresende 2015 wurde der Quader durch Mitarbeiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Magdeburg aus dem Flussbett geborgen, da er ein Hindernis in der Fahrtrinne darstellte. Bei der Bergung kamen auch noch weitere kleinere Steinblöcke und Holzreste zum Vorschein, die aber leider nicht untersucht werden konnten.

Der auf ein Gewicht von ca. 4,5-5 Tonnen geschätzte Quader mit den ungefähren Maßen 220 x 140 x 70 cm wurde zunächst an der Uferböschung abgelegt. In einem Artikel im Saale-Wipper-Boten, Heft 2016/31 (erschienen am 5. August 2016), ging der inzwischen verstorbene Großwirschlebener Heimatforscher Harald Wieschke auf den Fund ein und entwickelte die Theorie, dass der Block ursprünglich als Markierung gedient haben könnte, um einen Anhaltspunkt zu schaffen, ab welchem Wasserstand die Großwirschlebener Fähre genutzt werden musste.

Die Fundumstände machen aber auch ein Schiffsunglück wahrscheinlich, bei dem ein Wasserfahrzeug mit einer Steinmaterial-Ladung gesunken ist. Die Saale bildete als Wasserstraße über Jahrhunderte den wichtigsten Transportweg für schwergewichtige Güter. Flache Schiffstypen mit entsprechenden Ladekapazitäten, sogenannte Prahme, bestimmten von der Spätantike bis zur Neuzeit das Bild der Schifffahrt auf dem Fluss. So ließ um das Jahr 1392 die wohlhabende Bernburger Patrizierfamilie Gluse drei Prahme von Bernburg aus die Saale stromauf und -abwärts fahren.

Olaf Böhlk, Mitarbeiter der Kulturstiftung Bernburg, der sich intensiv mit der Bernburger Stadtgeschichte des Mittelalters und der Bedeutung des historischen Sandsteinabbaus für die Bernburger Region befasst hat, nahm deshalb Kontakt zu der Expertin für historische Sandsteinvorkommen Frau Dr. Angela Ehling von der Berliner Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe auf. Frau Dr. Ehling untersuchte mit einem Team von Wissenschaftlern die Herkunft von bei Kunst- und Bauwerken verwendeten Sandsteinen auf der Basis der Methode der Nahinfrarotspektroskopie. Die Ergebnisse der Messungen werden in einer Materialdatenbank dokumentiert. Damit wird es möglich, die verwendeten Sandsteine ihren Herkunftsgebieten zuzuordnen. Aufgrund dieser Forschungen gelangte das Team der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zu der Erkenntnis, dass der Bernburger Sandstein vom 10./11. bis zum Ende des 14. Jahrhunderts der dominierende Bau- und Bildhauerstein im Norden Sachsen-Anhalts und Brandenburgs war. Wichtige Bau- und Kunstwerke, wie beispielsweise zu großen Teilen der Magdeburger Dom, der „Magdeburger Reiter“, die Zerbster Rolandstatue oder auch die „Spandauer Madonna“ wurden aus Bernburger Sandstein hergestellt.

In Absprache mit Frau Dr. Ehling entnahm Olaf Böhlk Proben des Großwirschlebener Sandsteinblocks, die in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe untersucht wurden. Aufgrund der selbst innerhalb eines Steinbruchs vorkommenden Variationen konnte die Herkunft des Buntsandsteinblocks aber leider nicht eindeutig geklärt werden. Ein Bernburger Steinbruch ist als Herkunftsort wahrscheinlich, aber auch Steinbrüche in Polleben und Nebra können als Lieferort nicht ausgeschlossen werden. Die Größe und das außergewöhnliche Gewicht des Sandsteinblocks lassen auf einen Transport über den Wasserweg schließen. Die in Saalenähe unterhalb des Schlossberges im Bereich der Schleuse, an der Fuhnemündung und im Wippertal gelegenen historischen Bernburger Sandsteinbrüche erscheinen daher als Herkunftsorte am wahrscheinlichsten.

Gegen die Nutzung als Wasserstandsmarke spricht auch die Tatsache, dass Bruch und Verladung des schwergewichtigen Steinquaders bereits erhebliche Kosten verursacht haben dürften. Frau Dr. Ehling wies in diesem Zusammenhang auf die deutlich zu erkennenden Schrämspuren hin, die auf eine historische Abbautechnik verweisen. Vor diesem Hintergrund erscheint es unwahrscheinlich, dass der sorgfältig in den ungefähren Maßverhältnissen 1:2:3 rechtwinklig vorgerichtete Steinquader als Markierung in der Saale versenkt wurde. Eher könnte er als Rohling, beispielsweise für die Deckplatte einer gotischen Grabtumba, vorgesehen gewesen sein.

Aufgrund seiner großen Bedeutung als Denkmal für eine längst vergessene Epoche der Verkehrs- und Wirtschaftsgeschichte soll der Großwirschlebener Buntsandsteinblock am stark frequentierten Saale-Radwanderweg erhalten werden. Matthias Pusch, der Leiter des Bernburger Außenbezirks 4 des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Magdeburg, prüft deshalb nun die technischen Möglichkeiten, um den Fund aus der Saale entsprechend seiner Bedeutung wirksam in Szene zu setzen.